Maasai Mara: Tierschutz, Menschenrechte und Tourismus

mit Keine Kommentare

Viele träumen von einem Kenia-Urlaub. In der Maasai Mara kann man nämlich die Große Tierwanderung, Löwen und die Kultur der Maasai hautnah erleben. Auch wenn das Schutzgebiet endlos erscheint, ist der Platz knapp. Wildtiere und die Rinderherden der Maasai konkurrieren um Weideland. Zum Wohle des Ökosystems ist es wichtig, Tierschutz, Menschenrechte und den Tourismus in Einklang zu bringen.

Mzee Sairowua hat einen Löwen getötet. Das war vor sehr vielen Jahren und es war eine Mutprobe. „Früher mussten die jungen Männer einen Löwen töten, um bei den Frauen gut anzukommen. Keine Frau wollte einen Mann haben, der zu schwach ist, einen Löwen zu besiegen. Die Zeiten haben sich geändert. Heute ist das Töten eines Löwen verpönt und die meisten Frauen finden Männer mit einem Schulabschluss attraktiv“, so unser Gastgeber. Wir haben Mzee Sairowua letztes Jahr im August in Kenia kennenlernt. Er ist ein alter, weiser Maasai. Seine weit gedehnten Ohrläppchen zeigen, dass er viel Lebenserfahrung hat, und mit seiner ruhigen Art stahlt er Autorität aus. Sein Zuhause ist ein kleines Dorf, Boma genannt, das aus zehn Lehm-Dung-Häusern besteht und am Rand der Maasai Mara liegt. Kenias legendärster Nationalpark bildet mit der Serengeti und weiteren Naturreservaten in Tansania das Mara-Serengeti-Ökosystem, das eines der größten und berühmtesten Wildschutzgebiete unserer Erde ist.

Durch die Einrichtung der Nationalparks hat sich der Lebensraum der Maasai verkleinert

„Ich finde es wichtig, die Tiere zu schützen. Allerdings hat sich durch die Einrichtung der Nationalparks unser Lebensraum verkleinert. Traditionell sind wir Maasai nomadisierende Rinderhirten und wir bewohnen seit Jahrhunderten das Gebiet, das heute als Mara-Serengeti-Ökosystem bezeichnet wird. In den Wildreservaten dürfen wir keine Dörfer bauen und sie sind für unsere Rinderherden als Weideland tabu. Dafür haben sich neue Möglichkeiten eröffnet. Viele junge Maasai arbeiten heute im Tourismus“, erklärte uns Mzee Sairowua. Ein ganz besonderes Reise-Highlight, das Menschen aus aller Welt anzieht, ist die Große Tierwanderung. Auf der Suche nach frischem Gras machen mehr als eine Million Gnus und Hunderttausende Zebras im Jahreszyklus eine 3.000 Kilometer lange Rundwanderung durch das grenzübergreifende Schutzgebiet. Dem Regen folgend starten die Huftiere im März in der südlichen Serengeti, sind im August und September in der Maasai Mara, bevor sie zum Ausgangspunkt zurückkehren, wo sie im Januar ihre Kälber gebären. Ein Naturschauspiel der spektakulären Art ist die Überquerung des Mara-Flusses. Die wollten wir uns auf keinen Fall entgehen lassen und haben für das Abenteuer Lenny Nkoitoi engagiert. Er ist ein junger Maasai und chauffierte uns in einem offenen Safari-Jeep durch karge Grassavanne zum Ufer des Mara-Flusses.

Die Überquerung des Mara-Flusses ist ein gigantisches Naturspektakel

Bereits während der Fahrt sahen wir riesige Gnu- und Zebraherden, die Gras fressend zum Mara-Fluss wanderten. Bei unserem Eintreffen waren schon unzählige Tiere da, wobei Lenny umgehend unsere freudige Erwartung dämpfte: „Es muss nicht sein, dass sie heute den Fluss überqueren. Vielleicht machen sie es erst morgen oder in drei Tagen. Sie benötigen einen mutigen Gnubullen, der sich traut, als erster durch den Fluss zu galoppieren. Dann folgen alle anderen. Im Fluss lauern Gefahren: hungrige Krokodile und die Strömung.“ Uns blieb nichts anderes übrig, als uns in Geduld zu üben, und als wir schon hoffnungslos waren, begann das Spektakel. Wir hörten Hufgetrappel und Röhren. Staub wirbelte auf. Wasser spritzte. Fast panisch hüpften Zehntausende Gnus und Zebras von der einen zur anderen Flussseite. Es war gigantisch! Alle haben es geschafft und setzten ihre Wanderung in die Serengeti fort.

Lennys Job ist es, Touristen glücklich zu machen

Lenny freute sich über unser Glück, die weltberühmte Flussüberquerung der Gnus und Zebras so großartig erlebt zu haben: „Mein Job ist es, Touristen glücklich zu machen. Ich liebe meine Arbeit. Die Ausbildung zum Safari-Guide habe ich an der Koiyake Guiding School gemacht. Das ist eine Tourismusschule und sie liegt am Rand der Maasai Mara. Jedes Jahr werden an 30 junge Maasai Stipendien vergeben und ich habe eins erhalten! Die Ausbildung dauert 18 Monate und ist sehr vielfältig. Es gibt Kurse in Ökologie, Camp Management, Gästebetreuung, Englisch, Erste Hilfe, Tier- und Umweltschutz, wobei ich von Anfang an ein richtig guter Safari-Guide werden wollte.“ Das ist Lenny gelungen und es war ihm sehr wichtig, uns nicht nur Gnus und Zebras, sondern auch noch die anderen Stars der Maasai Mara zu zeigen: Neugierige Büffel, nimmersatte Elefanten, faule Leoparden, Löwinnen mit ihren putzigen Jungen und ein Löwenpärchen beim superschnellen Geschlechtsverkehr. Wir bewunderten das grazile Rennen der Giraffen, erfreuten uns am liebevollen Umgang einer Hyänenmutter mit ihrem Baby und beobachteten blutverschmierte Geparden beim Verzehren einer eben erlegten Thomas-Gazelle. Um den Festschmaus der Geparden standen 15 Safari-Jeeps mit fotografierenden Touristen, uns eingeschlossen. Ach du Schande, welche Menge! Als hätte Lenny unsere Gedanken gelesen, meinte er: „Normalerweise sind zwei- bis dreimal so viele Safari-Jeeps unterwegs. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie sind es weniger, weil nicht mehr so viele Touristen die Maasai Mara besuchen. Das ist toll für euch und für die Tiere. Für uns, die wir vom Tourismus leben, ist die Situation schwierig. Wir verdienen weniger Geld und die Safari-Lodges haben Personal entlassen. Wir hoffen, dass die Gästezahlen wieder ansteigen und sich unsere Einnahmen stabilisieren.“

Luxuriöse Safari-Lodges und stromlose Maasai-Häuser trennen nur wenige Kilometer

Ob in der Maasai Mara oder Serengeti, in beiden Nationalparks gibt es wunderschöne Unterkünfte, die zumeist Ausländern gehören und in denen Maasai in Tracht arbeiten. Je nach Ausstattung bezahlt man pro Nacht und Person zwischen 150 und 1.000 US-Dollar, wobei in den High-End-Lodges kein Wunsch unerfüllt bleibt. So gibt es Luxuszelte mit Outdoor-Badewanne, exquisite Picknicks im Busch, erlesene Weine am Lagerfeuer und Wellness bei untergehender Sonne. Gar nicht weit entfernt, am Rand der Schutzgebiete, leben die Maasai in ihren kleinen Dörfern ohne Strom und Wasseranschluss, so auch Mzee Sairowua mit seinem Familienclan. Zum Schutz vor Löwen, Hyänen und Geparden ist seine Boma mit einer Dornenhecke umzäunt. Darin befinden sich Pferche fürs Vieh und im Kreis angeordnete Häuser. „Bei uns Maasai bauen die Frauen die Häuser. Dafür verwenden wir Zweige, Kuhdung, Lehm und Asche. Bitte, tretet ein!“ Jemimah Sairowua ist Mzee Sairowuas Schwiegertochter und führte uns durch einen schmalen, verwinkelten Eingang in ihr Haus.

Bei den Maasai tragen die Frauen die Lasten des Alltags und die Männer treffen die Entscheidungen

Die Häuser der Maasai, Enkaji genannt, sind 1,50 Meter hoch und fensterlos. Es gibt zwei kleine Schlafzimmer und einen Wohnraum, in dessen Mitte ständig ein Feuer brennt und um das niedrige Holzbänke stehen. Kaum dass wir saßen, hielten wir einen stark gesüßten Milchtee in der Hand und Jemimah erzählte: „Wir Frauen sind nicht nur für den Hausbau zuständig, sondern auch fürs morgendliche Melken der Kühe. Außerdem holen wir Wasser, sammeln Brennholz, kochen, waschen die Wäsche und kümmern uns um die Kinder. Den Männern dagegen gehören die Rinder, Schafe und Ziegen. Sie treffen alle Entscheidungen und haben mehrere Frauen. Das ist ungerecht!“ Jemimah setzt sich für Frauenrechte ein und managt das Fair-Trade-Unternehmen Basecamp Maasai Brand (BMB). Ihm gehören 150 Maasai-Frauen im Alter zwischen 17 und 60 Jahren an. Sie stellen in traditioneller Handarbeit aus bunten Perlen Halsketten, Armbänder, Ohrringe und Gürtel her, die BMB direkt an Safari-Touristinnen in der Maasai Mara sowie online weltweit verkauft. „Dank meiner Tätigkeit bei BMB kann ich die Schulgebühren für meine Töchter und Söhne bezahlen. Außerdem habe ich ein besseres Haus und ich besitze zehn Rinder, die ich von meinem Einkommen gekauft habe. Früher wäre es undenkbar gewesen, dass Frauen Rinder besitzen. Die Zeiten ändern sich. Wir kämpfen für Gleichberechtigung“, sprudelte es stolz aus Karsis Tome heraus. Die quirlige Kunsthandwerkerin legte mir zum Dank für unser Interesse ein aufwändig gearbeitetes Perlencollier um den Hals, das zwar farblich, aber nicht stilistisch zu meiner Funktions-Fleecejacke passte.

Blut ist bei den Maasai ein Grundnahrungsmittel

Die Vermischung von Tradition und Moderne ist vor allem bei den jungen Maasai Alltag. Sie tragen in der Schule Uniform, während sie sich zu Hause ein rotes Baumwolltuch, Shuka genannt, um den Körper wickeln. Sie sprechen untereinander die Maasai-Sprache Maa, beherrschen aber auch Englisch. Sie kommunizieren per WhatsApp und werden beschnitten. Sie surfen stundenlang im Internet und feiern überkommene Schlachtzeremonien. An so einer durften wir teilnehmen, denn Mzee Sairowua ließ anlässlich unseres Besuchs eine Ziege töten. Mehrere Krieger, also unverheiratete junge Männer, führten das störrische Tier in den Busch, wo sie es erstickten, enthäuteten, zerteilten, über dem offenen Feuer grillten und dann verspeisten. Vom Grillfleisch haben wir gerne gekostet, nicht jedoch vom Blut. „Traditionell ernähren wir Maasai uns von Milch, Fleisch und Blut. Als Viehhirten betreiben wir keine Landwirtschaft, weil man dafür wichtiges Weideland zerstören müsste. Insofern ist unser Speiseplan etwas eintönig, wobei sich immer mehr Kinder weigern, Blut zu trinken. Sie lernen in der Schule, dass Mais und Bohnen gesünder sind. Beides müssen wir kaufen oder gegen Tierprodukte eintauschen“, dozierte Chris Kifilosh nach dem Barbecue. Und dann begannen er und die anderen Krieger zu singen, rhythmisch zu tanzen und aus dem Stand verdammt hoch zu springen. Der Tanz heißt Adumu und die ledigen Männer demonstrieren so ihre Stärke. „Während heute kein Krieger mehr einen Löwen tötet, um den Frauen zu imponieren, ist der Adumu nach wie vor ein wichtiger Bestandteil unserer Kultur. Das haben auch die Safari-Lodges erkannt. Die meisten bieten Springtanz-Vorführungen an“, klärte uns Chris auf.

Tierschutz und die Achtung der Menschenrechte dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden

Ob als Tänzer, Zimmermädchen, Safari-Guide, Bedienung oder Jeep-Fahrer, für die Maasai ist der Tourismus eine wichtige Einkommensquelle. Weil das Ansehen eines Mannes von der Größe seiner Viehherde abhängt, investieren viele ihren Verdienst in Rinder. Knapper werdendes Weideland zwingt die Maasai, mit ihren Herden immer tiefer in die Schutzgebiete zu ziehen. Das führt zu einer Verkleinerung des Lebensraums der Wildtiere und der Forderung, weitere Wildreservate einzurichten. Ein Kreislauf! „Tierschutz und die Achtung der Menschenrechte dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Es muss doch gelingen, die einzigartige Tierwelt des Mara-Serengeti-Ökosystems zu schützen und gleichzeitig unsere Maasai-Kultur zu erhalten. Ein Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur, zwischen Nutzung und Wildnis, das wünsche ich mir für die Zukunft.“ Mit diesen Worten verabschiedete uns Mzee Sairowua und sie klingen bis heute in uns nach.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

1 + zwölf =