Begehrtes Diebesgut: Grüne Vanilleschoten

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Aus Angst vor Diebstahl bewachen in Uganda Kleinbauern in den Wochen vor der Vanilleernte Nacht für Nacht ihre Vanillepflanzen. An diesen wachsen Kostbarkeiten: Vanilleschoten! Wegen der aufwändigen Produktion ist Vanille eines der teuersten Gewürze der Welt. 2021 kostete ein Kilogramm Vanille mehr als ein Kilogramm Silber.

In diesem Jahr startete am 5. Januar in Uganda die Vanilleernte. Das Datum wurde vom Landwirtschaftsminister Fred Bwino Kyakulaga bestimmt und kurz vorher verkündet. Die lange Geheimhaltung machte uns die Reiseplanung schwer, denn wir wollten unbedingt fotografieren, wie Kleinbauernfamilien in Uganda Vanille produzieren. Irgendwie haben wir es geschafft und waren zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, genauer in Kasese, wo die Rwenzori Farmers Cooperative Union (RFCU) ihren Sitz hat. Über 2.000 Mitglieder des Kleinbauernverbands produzieren hier, am Fuß des mystischen Rwenzori-Gebirges, grüne Vanilleschoten.

Vanillediebstahl ist in Uganda ein großes Problem

„Das offizielle Startdatum der Vanilleernte variiert von Jahr zu Jahr, um es Vanilledieben möglichst schwer zu machen. Außerdem werden so die Bauern davon abgehalten, ihre Vanilleschoten aus Angst vor Diebstahl frühzeitig zu ernten. Vanilleschoten müssen kurz vor der Reife gepflückt und dann innerhalb 24 Stunden weiter verarbeitet werden. Die Verarbeitung geschieht in spezialisierten Fabriken, die staatlich verordnet erst nach dem offiziellen Erntestart grüne Vanilleschoten aufkaufen dürfen. Bietet jemand vorher Vanilleschoten zum Kauf an, handelt es sich in der Regel um Diebesgut,“ erklärte uns RFCU-Verwaltungschef Jimmy Bagonza. Vanillediebstahl ist in Uganda ein großes Problem. Zum einen verlieren die Kleinbauernfamilien viel Geld. Zum anderen kommt so Vanille von minderer Qualität auf den Markt, was dem internationalen Ruf ugandischer Vanille schadet. Deshalb gibt RFCU seinen Mitgliedern Tipps und Geld für den Schutz ihrer Vanillepflanzen. Rosemary Kyomuhendo und Paul Ntabana gehören dem Kleinbauernverband an und haben eine undurchdringliche Hecke um ihren Hof gepflanzt.

Die Kleinbauern bewachen nachts ihre Vanillepflanzen

„Obwohl uns die Einzäunung Sicherheit gibt, bewache ich in den Wochen vor der Ernte Nacht für Nacht unsere Vanillepflanzen. Es ist sehr aufwändig, Vanille anzubauen. Weil es in Uganda keine Insekten gibt, die die Blüten bestäuben, machen wir das von Hand. Mit einem Stäbchen schlitzen wir die Blüten auf und verbinden dann den männlichen Pollen mit der weiblichen Narbe. Danach dauert es neun Monate bis zur Ernte“, erzählte uns Paul, während er gemeinsam mit Rosemary Vanilleschoten pflückte. Der Garten der beiden ist bezaubernd. Es gibt Bananenstauden, Kaffeesträucher und natürlich Vanillepflanzen, die an Jackfrucht- und Papayabäumen bis zu drei Meter in die Höhe ranken. „Bei einem Nachbarn haben wir gesehen, dass er mit grünen Vanilleschoten richtig viel Geld verdient. Er hat uns ein paar Stecklinge geschenkt und geraten, Mitglied bei RFCU zu werden. Wir sind seinem Rat gefolgt und haben in Schulungen gelernt, wie man grüne Vanilleschoten von hoher Qualität produziert. Hierfür ist der richtige Erntezeitpunkt entscheidend und der ist momentan“, dozierte Rosemary.

Fairer Handel fördert die Gleichstellung der Frau

Traditionell gehört in Uganda das Land den Männern und sie haben das Sagen. Dass sich Rosemary so gut mit dem Vanilleanbau auskennt und gerne darüber berichtet, hat sie dem Fairen Handel zu verdanken. RFCU ist Fairtrade-zertifiziert und lehrt seine männlichen Mitglieder, ihre Frauen zu achten sowie gemeinsam mit ihnen die Felder zu bestellen und Entscheidungen zu treffen. „Neben den Schulungen zu Landwirtschaft und Frauenrechten erhalten wir Marktzugang und einen ordentlichen Preis für unsere grüne Vanilleschoten. Außerdem vergibt RFCU Kleinkredite, um die Schulgebühren für unsere Kinder zu bezahlen. Die Kredite zahlen wir im Verlauf des Schuljahrs mit den Einnahmen aus dem Vanilleanbau zurück“, begeisterte sich Rosemary.

RFCU besitzt keine eigene Vanille-Verarbeitungsanlage

So zufrieden Rosemary und Paul mit ihren Einnahmen aus der Produktion grüner Vanilleschoten sind, so wenig wissen sie etwas mit dem Gewürz Vanille anzufangen. Ihre unverarbeiteten Schoten sind weitgehend geruchs- und geschmacksneutral. Erst durch Fermentation und Trocknung erhält Vanille ihr süßes, betörend-blumiges Aroma, wobei sie bislang keinen Einzug in die ugandische Küche gefunden hat. Aus Mexiko stammend, ist das exquisite Gewürz ausschließlich für den Export bestimmt. „Leider besitzt RFCU keine eigene Fabrik, um die frisch geernteten Vanilleschoten zu verarbeiten und dann direkt ins Ausland zu verkaufen. So könnten wir viel mehr Geld verdienen. Wir erhalten aktuell zwölf US-Dollar für ein Kilogramm grüne Vanilleschoten. Verarbeitete hingegen bringen ein Vielfaches ein“, so Paul.

Von der bestäubten Blüte bis zur küchenfertigen Vanilleschote vergehen 15 Monate

Mangels einer eigenen Verarbeitungsanlage verkauft RFCU die Ernte seiner Mitglieder an Esco im 415 Kilometer entfernten Ntenjeru. Das ist eine ugandische Verarbeitungs- und Exportfirma, die grüne Vanilleschoten von mehreren Kleinbauernverbänden aufkauft und Fairtrade-zertifiziert ist. Zur Erntezeit herrscht auf dem Firmengelände Hochbetrieb. Die 100 Beschäftigen müssen tagesgleich die angelieferten Schoten sortieren, waschen, blanchieren und fermentieren. Danach folgt ein drei Monate dauernder Trocknungsprozess, bei dem die fermentierten Vanilleschoten täglich für zwei Stunden in die Sonne gelegt werden. Beim Fermentieren und Trocknen färben sich die Schoten schwarzbraun und es entsteht Vanillin, das den Schoten ihren typischen Vanillegeschmack gibt. Abschließend reifen die Vanilleschoten noch drei Monate in einem Container, was bedeutet, dass von der bestäubten Blüte bis zum küchenfertigen Produkt 15 Monate vergehen. Kein Wunder also, dass Vanille eines der teuersten Gewürze der Welt ist und das Esco-Firmengelände rund um die Uhr von bewaffnetem Sicherheitspersonal bewacht wird.

Ugandas Klima ist ideal für den Vanilleanbau

Dass in Uganda Vanille angebaut wird, ist kaum bekannt, weil den Weltmarkt Bourbon-Vanille aus Madagaskar dominiert. Allerdings wird der ostafrikanische Inselstaat immer wieder von Tropenstürmen heimgesucht, die Vanillepflanzen zerstören. Dann schnellt der Weltmarktpreis für Vanille in die Höhe. 2021 war Vanille teurer als Silber! „Von Missernten in Madagaskar profitieren wir in zweifacher Hinsicht: Zum einen verdienen wir mehr Geld. Zum anderen suchen dann Händler weltweit Alternativen und werden auf uns aufmerksam. Das Klima in Uganda ist optimal für den Vanilleanbau. Anders als in Madagaskar und anderen Anbauländern können wir hier zwei Mal jährlich Vanille ernten, nämlich im Januar und im Juli. Uganda-Vanille hat eine sehr hohe Qualität und wir bringen ölige, hoch aromatische Gourmet-Vanilleschoten auf den Markt. Sie sind zwischen zwölf und 19 Zentimeter lang, wobei man ab 16 Zentimeter von Premium-Qualität spricht“, ließ uns Esco-Mitarbeiter David Acire Erica wissen.

Ein Zweierpack Uganda-Vanille kostet etwa zehn Euro

Fair gehandelte Vanilleschoten aus Uganda kann man hierzulande online oder in Gewürzläden kaufen. Sie sind luftdicht verpackt, so dass sie ihren feinen Geschmack und öligen Glanz möglichst lange behalten. Ein Zweierpack kostet etwa zehn Euro. Man kann Vanilleschoten als Ganzes verwenden oder man schneidet sie der Länge nach auf und kratzt das Mark heraus. Uganda-Vanille hat ein schokoladiges, nussiges, fruchtiges Aroma. Sie eignet sich hervorragend zum Verfeinern von Desserts und Kuchen, aber auch zum Würzen von herzhaften Gerichten wie Reh, Jakobsmuscheln und Garnelen.

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