Digital Lions: Armutsbekämpfung durch digitale Dienstleistungen

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Im abgeschiedenen Norden Kenias gibt es den Lions IT-Campus. Hier lernen junge Menschen aus armen Verhältnissen Websites zu bauen, Logos zu designen und 3D-Animationen zu erstellen. Learning Lions heißt das Programm und es eröffnet marginalisierten Talenten eine Zukunftsperspektive im IT-Sektor. Außerdem ist auf dem Campus Digital Lions angesiedelt – die erste Fair-Trade-Digital-Agentur der Welt!

„Ich habe es von Freunden erfahren und mir dann das Video von Learning Lions auf YouTube angeschaut. Ich war gleich begeistert und habe mich beworben, denn ich wollte schon immer eine IT-Frau werden. Dieser Traum erschien mir noch vor kurzem unerfüllbar, weil ich aus armen Verhältnissen stamme.“ Salome Akiru ist Schülerin am Lions IT-Campus und zu Recht ein bisschen stolz. Auf 60 Ausbildungsplätze kommen 600 Bewerbungen und das Auswahlverfahren ist hart. Schriftlich und mündlich werden Intelligenz, Problemlösungsfähigkeit und mathematisches Verständnis getestet. Ob jemand einen Schulabschluss oder bereits Computerkenntnisse hat, ist irrelevant. Learning Lions hat es sich nämlich zum Ziel gesetzt, im bitterarmen Norden Kenias talentierten jungen Menschen im IT-Sektor eine Zukunftsperspektive zu eröffnen.

Im unwirtlichen Norden Kenias befindet sich der Lions IT-Campus

Landschaftlich gefällt uns der Norden Kenias richtig gut. So weit das Auge reicht, sieht man sandig-staubige Erde. Es gibt Akazien, Termitenhügel und den jadegrün schimmernden Turkana-See, der der größte Wüstensee unseres Planeten ist. So schön wir die bizarre Ödnis finden, so entbehrungsreich ist der Alltag der Wüstenbewohner. Sie können dem ausgedörrten Boden kaum Feldfrüchte abringen. Die meisten leben vom Fischfang und halten ein paar Kamele, Rinder, Schafe und Ziegen. Es gibt nur wenige Jobs und Gesundheitsposten. Schulen sind Mangelware, wie auch der Zugang zu sauberem Trinkwasser. Turkana ist das ärmste County Kenias. Und hier, in dieser unwirtlichen Abgeschiedenheit, erhebt sich mit wunderbarem Blick auf den Turkana-See der Lions IT-Campus.

Stararchitekt Francis Kéré hat den IT-Campus designt

Pro bono hat Francis Kéré den IT-Campus entworfen. Der gebürtige Burkiner betreibt in Berlin ein international tätiges Architekturbüro und hat an der TU München eine Architekturprofessur inne. Aus lokalem Bruchstein gebaut und mit Solarpanels ausgestattet, fügt sich der IT-Campus perfekt in die Wüstenlandschaft ein und ist dennoch extravagant. Wie Termitenhügel ragen drei terrakottafarbene Lüftungstürme in den Himmel. Sie gewährleisten im Hauptgebäude einen ständigen Luftdurchzug und kühlen so auf natürliche Weise Coworking-Spaces, Seminarräume und Klassenzimmer. In diesen sitzen über Laptops gebeugt junge Menschen. Sie bauen Websites, designen Logos und erstellen 3D-Animationen. Auf Salomes Bildschirm prangen vier Rundhütten, um die man virtuell herumschlendern kann. „Schaut, das habe ich entwickelt. In solchen Häusern lebt meine Familie. Sie sind aus getrocknetem Gras und es gibt keinen Strom.“ Uns begeistert die Selbstverständlichkeit, mit der Salome ihren Laptop und die Open-Source-Animations-Software Blender bedient. Besucht sie doch den Basiskurs!

Im Basiskurs lernen alle Programmierung, Grafikdesign und Medienproduktion

„Mit dem Basiskurs starten alle. Er dauert drei Monate und wir unterrichten unsere Schüler und Schülerinnen in Programmierung, Grafikdesign und Medienproduktion. Sie erlangen grundlegendes Computerwissen, das es ihnen ermöglicht, im IT-Sektor tätig zu sein.“ Derrick Nginya ist Lehrer für Informations- und Kommunikationstechnik und war früher selbst ein Learning Lion. Er lässt gerne im Team arbeiten, geht von Schülergruppe zu Schülerinnengruppe, beantwortet Fragen, gibt Tipps und lobt. Kreativität, Ansporn und Leistungswille liegen in der Luft. Alle wissen, dass von den 60 des Basiskurses nur die 15 Besten in den Fortgeschrittenenkurs aufgenommen werden. Der dauert neun Monate und dient der Spezialisierung.

Auf dem IT-Campus leben junge Menschen ihren Traum

Saido Omar ist bei den Fortgeschrittenen und hat ihre Passion fürs Programmieren entdeckt: „Es ist ein Traum, dass ich hier eine Ausbildung zur Programmiererin mache. So eine Gelegenheit kommt nur ein Mal im Leben und ich möchte sie nutzen.“ Vor dem Krieg aus Somalia geflohen, lebt Saido eigentlich im kenianischen Flüchtlingslager Kakuma. Zur Zeit wohnt sie aber auf dem IT-Campus. Unterkunft, Essen und natürlich die Ausbildung sind dank Spendengeldern für alle Learning Lions umsonst. Neben harten Computerkenntnissen werden auch Softskills vermittelt. Ganz oben stehen Team- und Konfliktlösungsfähigkeit, Selbstmanagement, Führungskompetenz, sprachliche Gewandtheit und Zielstrebigkeit. Erot Sammy ist Saidos Tischnachbar und sehr fokussiert: „Wenn man im Leben etwas erreichen möchte, muss man sich konkrete Ziele setzen. Das habe ich hier gelernt. Mein Ziel ist es, ein erfolgreicher Freelancer zu werden. Ich habe meine ersten, eigenen Kunden. Bislang sind es nur nationale. Später möchte ich international tätig sein.“

Aus den Learning Lions sollen erfolgreiche Freelancer werden

Erots Denkart entspricht dem Spirit des IT-Campus. Aus den Learning Lions sollen nämlich erfolgreiche Geschäftsleute werden, die ihre digitalen Dienstleitungen eigenständig über Freelancer-Plattformen wie Fiverr oder Upwork weltweit anbieten. Schließlich benötigt man nicht viel, um als Programmiererin, Webdesigner oder Medienproduzentin tätig zu sein: Computerkenntnisse, einen Laptop mit entsprechender Software, Strom und einen Internetzugang. Den gibt es sogar im abgelegenen Norden Kenias. Das Handy zeigt hier 4G-Empfang.

Digital Lions hilft beim Berufseinstieg

Aus armen Verhältnissen stammend und mit einer einjährigen IT-Ausbildung in der Tasche ist es für junge Menschen nicht einfach, eine eigene Internetagentur aufzubauen. Deshalb gibt es auf dem IT-Campus neben Learning auch Digital Lions. Das ist eine IT-Outsourcing-Agentur, in der diejenigen, die ihre Ausbildung abgeschlossen haben, Praxiserfahrung sammeln können. „Wie gewinne ich Kunden? Wie wickle ich auf einer Freelancer-Plattform einen Auftrag ab? Und wie ticken Kunden beispielsweise in Deutschland? Um solche Dinge geht es im Traineeprogramm. Unterstützt werden wir von ehrenamtlichen IT-Spezialisten aus Europa, die zu uns für ein paar Monaten kommen. Bei den Digital Lions sind sieben ehemalige Learning Lions fest angestellt. Neben der Betreuung der Trainees erledigen wir Aufträge für Kunden weltweit.“ Wycliffe Omondi ist Projektmanager und enthusiastisch: „Zu unseren Kunden gehören die Women Farmers Associataion of Kenya, Konrad-Adenauer-Stiftung, GEPA und World Fair Trade Organization, um nur wenige zu nennen.“ Dass Wycliffe die beiden letzten aufzählt, wundert uns nicht, denn Digital Lions ist die erste Fair-Trade-Digital-Agentur der Welt.

Digital Lions ist seit 2020 WFTO-gelabelt

Gemeinsam haben die World Fair Trade Organization (WFTO) und Digital Lions die Prinzipien des Fairen Handels auf digitale Dienstleistungen übertragen. Wie bei Kaffee, Schokolade und Heimtextilien, so garantiert das WFTO-Label auch bei Websites, Logos und animierten Videos, dass sie unter menschenwürdigen, diskriminierungsfreien und guten Arbeitsbedingungen hergestellt wurden. Vor allem ist auch eine faire Entlohnung gewährleistet, die den Weg aus der Armut ermöglicht. „Dank meiner Tätigkeit bei Digital Lions habe ich ein gutes Einkommen, mit dem ich meine Familie unterstützen kann. Ich gebe meine Kenntnisse an andere weiter und lerne Menschen aus anderen Ländern kennen. Euch zum Beispiel. Im Übrigen war ich schon mal in Deutschland. Ich habe am Spendenlauf für Learning Lions teilgenommen“. Isaya Mutekhele ist von Anfang an dabei. 2016 absolvierte er den Basis- und Fortgeschrittenenkurs und arbeitet nun als Webentwickler auf dem IT-Campus.

Prinz Ludwig von Bayern ist der Gründer des IT-Campus und Spendensammler

Um Spenden für die Learning Lions einzuwerben, findet alljährlich in Bayern der Löwenmarsch statt. Der Spendenlauf ist 100 Kilometer lang und führt von Schloss Kaltenberg zum Schloss Neuschwanstein. Dass es so adlig zugeht, hat einen einfachen Grund: Learning und Digital Lions wurden von Prinz Ludwig von Bayern gegründet. Er ist der Ururenkel von König Ludwig III, dem letzten bayrischen König. Über den Hilfsverein Nymphenburg als Entwicklungshelfer im Turkana County tätig, stellte Ludwig fest, dass es nicht genügt, im bitterarmen Norden Kenias Schulen zu bauen und für eine Grundschulbildung zu sorgen. Junge Menschen benötigen auch eine Zukunftsperspektive. So ist die Idee für den IT-Campus entstanden.

Freelancer-Plattformen, Anstellung oder doch lieber ein Universitätsstudium?

Selbstverständlich werden nicht alle Learning Lions nach ihrer Ausbildung auf dem IT-Campus erfolgreiche Freelancer. Manche ziehen eine Anstellung bei einer NGO oder kommunalen Einrichtung vor und andere bewerben sich um ein Universitätsstipendium, so Salome. „Ich möchte auf die Uni in Eldoret, um ein Uni-Diplom zu erwerben und einen grüneren Teil Kenias kennenzulernen. Ich habe das Turkana County noch nie verlassen, außer virtuell natürlich.“

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