Baumrindenvlies: CO2-neutral, archaisch, schön

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Baumrindenvlies ist das älteste Textil der Menschheit. Lange in Vergessenheit geraten, erfährt es seit den 1990er Jahren ein Revival. Von ugandischen Kleinbauern manuell hergestellt, werden aus dem cognacbraunen Tuch Souvenirs, Haute Couture, Möbel, Accessoires und Wandverkleidungen gemacht.

Godfrey Sempijjas Haus steht inmitten eines prächtigen Mischkulturgartens. Am Boden wachsen für den Eigenbedarf Cassave und Süßkartoffeln. In der mittleren Ebene gibt es Kakaobäume, Kaffeesträucher und Bananenstauden. Überragt wird das üppige Grün von schattenspendenden Avocado-, Jackfrucht- und Feigenbäumen. „Ich verkaufe Kakao, Kaffee, Bananen und Baumrindenvlies an Zwischenhändler, die zu uns ins Dorf kommen. Jedes Produkt bringt ein bisschen Geld ein. Es ist nicht viel, aber wir können davon leben“, erzählte uns Godfrey, während er im Morgengrauen von Feigenbaum zu Feigenbaum schritt. An einem blieb er stehen, berührte zärtlich den Baumstamm und sagte: „Diese Rinde werden wir heute ernten!“

Das Ausgangsmaterial ist die Rinde des Mutaba-Feigenbaums

Godfrey gehört zu den wenigen Menschen in Uganda, die aus der Rinde des Mutaba-Feigenbaums Vlies herstellen können. Das ist eine uralte Handwerkskunst, denn Baumrindenvlies ist das älteste Textil der Menschheit. Seine Produktion wurde 2008 von der UNESCO in die Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. „Mein Vater hat mir gezeigt, wie man Baumrindenvlies herstellt, und der hat es von seinem Vater gelernt. Meine Söhne haben leider andere Interessen, weshalb ich immer mit Christopher Dungu zusammenarbeite. Er ist der Sohn eines Freundes und gemeinsam sind wir ein richtig gutes Team“, so Godfrey.

Die Vliesherstellung ist Männerarbeit

Für die Rindenernte benötigt man zwei Männer, eine Machete und mehrere angespitzte Rippen von Bananenblättern. Mit letzteren wird die Rinde vorsichtig, Zentimeter für Zentimeter vom Baum abgelöst, ohne das Kambium zu verletzten. Die Rindenernte eines Baums dauert über eine Stunde und im Anschluss müssen ganz schnell Bananenblätter um den kahlen Stamm gewickelt werden. „Die Bananenblätter dienen als Schutz vor Austrocknung und Beschädigungen. Innerhalb eines Jahres wächst die Rinde nach und sie soll möglichst makellos sein. Die Rinde eines Mutaba-Feigenbaums kann jährlich geerntet werden und zwar 40 Jahre lang,“ dozierte Christopher.

100.000 Mal muss geschlagen werden

Nach der gemeinschaftlichen Ernte ist Arbeitsteilung angesagt: Christoper hat sich aufs Abschaben der Außenrinde von der Innenrinde spezialisiert, die dann von Godfrey in Wasser über dem offenen Feuer in fünf Minuten geschmeidig gekocht wird. Und dann benötigen beide Ausdauer und handwerkliches Geschick, nämlich beim stundenlangen Schlagen mit Holzhämmern auf die gekochte Innenrinde! Ich habe meine Hilfe angeboten, musste aber schnell feststellen, dass mir für diese Tätigkeit Kraft und Geduld fehlen. Godfrey nahm mir lachend mein Werkzeug aus der Hand und sagte: „Es braucht etwa 100.000 Schläge, bis die Rinde nur noch ein bis zwei Millimeter dick ist und wir sie in die Sonne zum Trocknen legen können. Jedes Tuch ist ein Unikat. Nachher zeige ich euch unser Baumrindenvlies-Lager“.

Das Vlies wird auch als „Tuch der Könige“ bezeichnet

Baumrindenvlies ist erstaunlich weich und mutet ein bisschen wie Leder an. Die Farbtöne reichen von Ocker über Terrakotta bis Cognacbraun und aus den etwa fünf Quadratmeter großen Tuchen lässt sich Außergewöhnliches herstellen. Bis im 19. Jahrhundert arabische Händler gewebte Baumwollstoffe nach Ostafrika brachten, war Kleidung aus Baumrindenvlies allgegenwärtig. Die schönsten und edelsten Tuche waren den Monarchen des Königreichs Buganda vorbehalten, weshalb Baumrindenvlies auch als „Tuch der Könige“ bezeichnet wird. Eine kleine Bevölkerungsgruppe kleidete sich sogar noch bis Ende des 20. Jahrhunderts in Baumrindenvlies: die Batwa! Sie lebten fernab der Zivilisation in den südwestlichen Bergregenwäldern Ugandas, bis sie 1991 vertrieben wurden, weil die Regierung Nationalparks zum Schutz der Berggorillas einrichtete.

Souvenirs, Kunst und Modewelt

Godfreys und Christophers Baumrindenvlies gelangt mit den Zwischenhändlern aus ihrem kleinen Dorf Kyebe auf die Märkte Kampalas, wo es Kunsthandwerkerinnen kaufen, um daraus Souvenirs wie Glasuntersetzer, Taschen und Sonnenhüte herzustellen. Edler setzt Fred Kato Mutebi das Textil seiner Vorfahren in Szene. Er ist ein ugandischer Künstler und verwendet Baumrindenvlies als Leinwand für seine Gemälde. Auch die in London lebende ugandische Designerin José Hendo hat das „Tuch der Könige“ wiederentdeckt und zwar für ihre nachhaltige Mode. Ihre Baumrindenvlies-Kollektionen waren schon in der British Vogue sowie auf den Fashion Weeks in Vancouver, London und Kampala zu sehen.

BARKTEX® ist veredeltes Baumrindenvlies

Eine ganz besondere Veredelung erfährt das Baumrindenvlies ugandischer Kleinbauern durch BARK CLOTH Europe. Das deutsche Unternehmen vertreibt unter der Marke BARKTEX® Rindentuche, die hitzebeständig, abrieboptimiert, wasser- und schmutzabweisend sind. BARKTEX® begeistert Designer unterschiedlicher Branchen, die damit Möbel, Wände, Schuhe und Automobilkonsolen individualisieren. Und so findet man BARKTEX® beispielsweise in hochpreisigen Unterkünften wie dem Schloss Elmau, Hotel Orania.Berlin und Hilton Art Hotel Denver, außerdem in Mercedes-Benz-Limousinen und als Zierleisten an PUMA-Sneakern.

Baumrindenvlies ist ein reines Naturprodukt

Dass Baumrindenvlies Einzug in die Welt der Reichen gefunden hat, wissen Godfrey und Christopher nicht. Sie sind aber stolz, dass Baumrindenvlies dem Klima nicht schadet. „Zur Herstellung benötigt man keinen Strom, kaum Wasser, keine Farbstoffe und Bindemittel. Baumrindenvlies ist zu 100 Prozent ein Naturprodukt. Hoffentlich steigt die Nachfrage. Ich wünsche mir für die Zukunft, mehr Geld mit der Rindentuch-Produktion zu verdienen, um meinen Kinder und Enkeln eine gute Ausbildung finanzieren zu können.“ Mit diesen Worten verabschiedete uns Godfrey, während Christopher nickend daneben stand und ergänzte: „Mir ist es außerdem wichtig, mein Wissen an meine Söhne weiterzugeben. Es darf nicht passieren, dass die Handwerkskunst der Baumrindenvlies-Herstellung in Vergessenheit gerät.“

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