Tee vom Dach der Welt

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Tee aus Nepal wird in Deutschland nur selten getrunken. Das ist schade, denn er schmeckt hervorragend. Darüber hinaus ist er eine wichtige Einkommensquelle für viele Bauernfamilien, die im abgeschiedenen Osten des kleinen Himalayastaates leben.

Es war bereits dunkel, als wir im April dieses Jahres auf den Hof der Kanchenjunga Tea Estate (KTE) fuhren. Deepak Prakash Baskota trat ins Scheinwerferlicht unseres 4×4 Offroad-Taxis und begrüßte uns erleichtert mit einem herzlichen „Namasté. Schön, dass Ihr nun da seid.“ Auch wir waren froh und erfreut, denn die Anreise zur KTE-Teefabrik im abgelegenen Osten Nepals ist ein kleines Abenteuer: Zunächst muss man im Miniflugzeug 45 Minuten von Kathmandu nach Bhadrapur fliegen und dann geht es fünf Stunden im Geländewagen auf holprigen Serpentinenstraßen in das kleine Örtchen Ranitar. Nun gut. Wir waren wegen einer Reifenpanne zwei Stunden länger unterwegs.

Mit Teesamen Armut mindern

Mister Baskota ist ein Mittsechziger, Gründer und Präsident von KTE und war in den 1990er Jahren Innenminister Nepals. Er trägt die traditionelle Kleidung des nepalesischen Mannes: eine lange Weste über einer weiten Hose und dazu einen gemusterten Wollhut, den sogenannten Topi. Unser Gastgeber hatte mit dem Abendessen auf uns gewartet, und so saßen wir, kaum dass wir in Ranitar angekommen waren, gemeinsam mit ihm im kleinen Speisesaal des KTE-Gästehauses. Bei Chiya (Tee) und Dal Bhat (Linsen mit Reis) plauderte Mister Baskota ein bisschen aus seinem Leben: „Das berühmte indische Teeanbaugebiet Darjeeling ist keine 30 Kilometer von hier entfernt. Ich bin in Ranitar aufgewachsen und hatte als 15-Järiger erstmals die Gelegenheit, Darjeeling zu besuchen. Dort habe ich die schönen Teegärten gesehen und festgestellt, dass die Arbeiter auf den indischen Teeplantagen einen viel höheren Lebensstandard haben als die Bewohner in meinem nepalesischen Heimatdorf. So bin ich auf die Idee gekommen, dass man auch in Ranitar Teesträucher pflanzen und eine Teefabrik bauen könnte, um die Lebenssituation der Bauern zu verbessern. Es dauerte allerdings 15 Jahre, bis ich 1984 die Kanchenjunga Tea Estate gründete. Über 100 Dorfbewohner fassten ihr Brachland zusammen, säten Teesamen aus und produzieren seither Grünen und Schwarzen Tee von sehr hoher Qualität. Alle Bauern sind Anteilseigner der Teefabrik und profitieren von den vielfältigen sozialen Projekten. KTE ist Nepals erster bio-zertifizierter und einziger Fairtrade-gesiegelter Teeproduzent. Neben den Teegärten und der Teefabrik in Ranitar haben wir ein Büro in Kathmandu, wo ich zwischenzeitlich wohne. Hierher komme ich nur noch zu besonderen Anlässen. Diese Woche bin ich da, weil ihr hier seid. Herzlich Willkommen!“

Two leaves and a bud – eine wichtige Teepflückregel

Selbstverständlich war es Mister Baskota wichtig, uns die KTE-Teegärten zu zeigen. Und so gelangten wir am nächsten Tag mit einem KTE-eigenen Kleinlaster nach einer einstündigen, sieben Kilometer langen Schlaglochpistenfahrt in eine extrem steile, traumhafte Teelandschaft. Die KTE-Teegärten umfassen 94 Hektar und liegen in Höhen zwischen 1.300 und 1.800 Meter. Durch regelmäßiges Beschneiden werden die Teesträucher auf einer Höhe von etwa einem Meter gehalten, so dass sich die Blätter der immergrünen Camellia sinensis bequem und schnell pflücken lassen. Das machen bunt gekleidete Frauen, die auf ihren Rücken kegelförmige Körbe tragen, in die sie, ohne hinzuschauen, ihre Ernte über die Schultern werfen. „Wir pflücken nach der Regel two leaves and a bud. Das bedeutet, dass wir die Blattknospen mit ihren beiden dazugehörigen Blatttrieben von den Sträuchern zupfen. Von März bis Oktober ernten wir die Sträucher etwa 30 Mal ab. Momentan befinden wir uns in der ersten Ernteperiode und diese Ernte wird als First Flush bezeichnet. First Flush Tee ist etwas teurer und blumig-fein im Geschmack. Second Flush Tee, den wir später im Jahr pflücken, hat ein kräftigeres, intensiveres Aroma“, dozierte Januka Dulal. Sie ist eine von über 90 Teepflückerinnen, die bei KTE angestellt sind.

Januka hat eine Festanstellung als Teepflückerin

Nach getanem Tageswerk transportieren Januka und die anderen Teepflückerinnen ihre Ernte auf schmalen Trampelpfaden zur KTE-Sammelstelle. Die Blätter werden begutachtet, gewogen und es wird genau notiert, wer wieviel geerntet hat. Die tägliche Mindestmenge beträgt zehn Kilogramm. Für jedes Extrakilo gibt es 20 Rupien (0,16 Euro) obendrauf. Als Grundverdienst erhalten die Teepflückerinnen den nepalesischen Mindestlohn, der monatlich 8.000 Rupien (65 Euro) beträgt, sowie ein 13. Monatsgehalt. „Ich arbeite seit zwölf Jahren bei KTE und bin sehr froh über die feste Anstellung. So habe ich ein sicheres Einkommen und kann meine vier Kinder zur Schule schicken. Ich bin alleinerziehend“, ließ uns Januka wissen.

In der Teefabrik wird auch nachts gearbeitet

Tee ist ein sensibles Produkt, weshalb die frisch geernteten Teeblätter umgehend zur Weiterverarbeitung in die Teefabrik nach Ranitar gebracht werden müssen. Das geschieht mit dem KTE-eigenen Kleinlaster. Als wir dort ankamen, war es bereits dunkel, wobei zur Erntezeit in der Fabrik rund um die Uhr geschäftiges Treiben herrscht. Weil Grüner und Schwarzer Tee aus derselben Pflanze gemacht werden, ist nun zu entscheiden, was aus den angelieferten Teeblättern werden soll. Nira Nanda Acharya ist der Manager der KTE-Teefabrik und verkündete nach eingehender Betrachtung: „Aus diesen Blättern produzieren wir Grünen Tee!“

Erhitzen, rollen, trocknen – so wird Grüner Tee produziert

Um Grünen Tee herzustellen, werden die erntefrischen Blätter kurz auf langen Gestellen mit riesigen Ventilatoren gelüftet. Weil es sich beim Grünen Tee, anders als beim Schwarzen Tee, um nicht-fermentierten Tee handelt, muss die Fermentation der Teeblätter verhindert werden. Das geschieht in einem speziellen Trockner durch kurzes Erhitzen, denn beim Erhitzen werden diejenigen Enzyme, die für Oxidations- und Fermentationsprozesse verantwortlich sind, deaktiviert. Es folgt eine mehrstündige Auskühl- und Ruhezeit, bevor die Teeblätter am nächsten Morgen in Rollmaschinen zwischen zwei sich gegeneinander bewegende Metallplatten 20 Minuten gerollt werden, um sie geschmeidig zu machen. Abschließend kommen die gerollten Teeblätter erneut in den Spezialtrockner, und zwar so lange, bis sie nach weiteren 20 Minuten eine Restfeuchte von fünf Prozent aufweisen und damit Rohtee vorliegt.

Blatt-Tee hat die höchste Qualität und ist am teuersten

Rohtee besteht aus unterschiedlichen Blattgrößen, Blattteilen und Ausschuss, weshalb er sortiert werden muss. Bei KTE machen das von Hand Arbeiterinnen in blauer Schutzkleidung, wobei es vier verschiedene Blattgrade gibt:

  • Großblättrige Blatt-Tees, die eine hohe Qualität haben und am teuersten sind.
  • Kleinblättrige Broken-Tees, die eine geringere Qualität aufweisen.
  • Kleinteilige Fannings und Dunst, die vor allem für Aufgussbeutel verwendet werden.

Wie die Teepflückerinnen, so erhalten auch die Fabrikarbeiterinnen den nepalesischen Mindestlohn plus ein 13. Monatsgehalt.

Ordentliche Verdienstmöglichkeiten wirken der Landflucht entgegen

„Alle KTE-Angestellten und alle KTE-Bauern, die ja Anteilseigner der Teefabrik sind, haben ein sicheres Einkommen. Außerdem erhalten sie von KTE subventionierte Lebensmittel, Hilfe beim Hausbau und Schulstipendien für ihre Kinder. Darüber hinaus haben alle Teebauern Kühe bekommen, die Milch zum Trinken und Kot zum Düngen liefern. Ich bin davon überzeugt, dass eine nachhaltige Entwicklung in Dörfern wie Ranitar nur möglich ist, wenn die Menschen genügend Geld verdienen und eine Zukunftsperspektive haben. Ist das nicht der Fall, verlassen vor allem die Jugendlichen ihre Dörfer und gehen zum Beispiel nach Katar, wo die Löhne viel höher sind als in Nepal. Um der Landflucht entgegenzuwirken, sind Chancen auf dem Land zu schaffen, möglichst in Einklang mit der Natur“, lehrte uns Mister Baskota die KTE-Unternehmensphilosophie, bevor er praktischer wurde: „Natürlich müsst ihr nun auch noch unsere Tees probieren. Kommt. Ich bin gespannt auf Eure Meinung.“

Uns schmeckte Oolong Tee am besten

Wir hatten unglaubliche Lust auf die Teeverkostung, die Mister Acharya angeleitet hat. Er brühte sieben verschiedene Tees mit 80 Grad warmem Wasser auf, ließ sie drei bis fünf Minuten ziehen und dann wurden wir aufgefordert, den Duft der überbrühten Teeblätter tief einzuatmen sowie die Tees schlürfend zu probieren. Uns haben fast alle KTE-Tees sehr gut geschmeckt, wobei wir besonders von diesen dreien angetan waren:

  • Halb-fermentierter Oolong Tee (First Flush), der – goldgelb in der Tasse – ein blumig-sanftes Aroma hat.
  • Nicht-fermentierter Grüner Tee (First Flush), der – zartgrün in der Tasse – ein erdig-herbes Aroma hat und, wegen der fehlenden Fermentation, viele Tannine enthält.
  • Fermentierter Schwarzer Tee (Second Flush), der – orangegelb in der Tasse – ein intensives, nussiges Aroma hat.

Nepalesischer und Darjeeling-Tee haben einen ähnlichen Geschmack

„Weil die geographischen und klimatischen Bedingungen nahezu identisch sind, schmecken Nepalesischer und Darjeeling Tee ähnlich. In beiden Anbaugebieten befinden sich die Teegärten in Höhen über 1.000 Meter, weshalb die Teeblätter langsam wachsen. Außerdem sind die Teegärten sehr steil, so dass die Sonneneinstrahlung intensiv ist und der Tee von Hand gepflückt werden muss. All diese Faktoren wirken sich positiv auf die Teequalität aus“, erklärte uns Mister Acharya. Und dann fügte Mister Baskota noch nachdenklich hinzu: „Leider fehlt es nepalesischem Tee, anders als Darjeeling Tee, an internationaler Bekanntheit. Gut dass Ihr hier seid, um dann in Europa über unsere Arbeit zu berichten.“ – Das tun wir sehr gerne! Und für alle Neugierigen fügen wir mit Vergnügen hinzu, dass man Tee von KTE auch in Deutschland kaufen kann, und zwar in Weltläden unter den Marken EL PUENTE und WeltPartner.

Ach ja: Die Kleinbauern haben die Kanchenjunga Tea Estate (KTE) nach dem Kanchenjunga benannt, der mit 8.586 Meter der dritthöchste Berg der Welt ist. Der Gletscherriese liegt 75 Kilometer nördlich von Ranitar, ist aber unsichtbar. Will man den Kanchenjunga sehen, muss man zehn Tage wandern. Wir haben den Kanchenjunga-Trek absolviert und berichten darüber in unserem nächsten Blog-Beitrag.

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