Basma: Beduininnenleben in Israel

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Basma ist Weberin, alleinerziehende Mutter, Wüstenbewohnerin, Arabisch sprechende Muslima und Israelin. Damit gehört sie gleichzeitig mehreren Minderheiten an. Allen geschlechtlichen, ethnischen, religiösen und staatlichen Widrigkeiten zum Trotz steht sie ihre Frau!

Vor ein paar Tagen sind wir aus Israels Negev-Wüste zurückgekehrt. Neben ihrer trocken-kargen Schönheit fasziniert uns, dass die lebensfeindliche Gegend seit Jahrtausenden von Beduinen bewohnt wird. Sie sind die Ureinwohner der Negev-Wüste. Heute gibt es etwa 200.000 israelische Beduinen, darunter Basma! Wir hatten im Wüstenstädtchen Lakiya das Glück, die junge, selbstbewusste Frau in ihrer Vielfältigkeit kennenzulernen.

Basma, die Weberin

Weben hat Basma von ihrer Mutter gelernt, denn die Webkunst wird bei den Beduinen mütterlicherseits von Generation zu Generation weitergegeben. Während ihre Vorfahrinnen aus Ziegenhaaren wasserdichte Zelte und aus Schafwolle farbenprächtige Kleidung webten, produziert Basma auf ihrem Webstuhl exquisite Heimtextilien für Tel Aviver Luxushotels und ausländische Boutiquen. „Dank SIDREH werden meine Webwaren nach Europa, Japan und in die USA exportiert. Ich bin finanziell unabhängig und fühle mich als vollwertiger Mensch“, so Basma. Mit dem Ziel, die Lebenssituation der Beduininnen zu verbessern, wurde 1998 SIDREH gegründet. Heute gehören der israelischen Non-Profit-Organisation 70 Frauen an. In Jahrtausende alter Tradition spinnen sie mit einfachen Holzspindeln Schafwolle, die je nach Kundenwunsch gefärbt und dann zu Teppichen, Kissenbezügen und Taschen gewoben wird. Basma kommt zum Arbeiten gerne ins SIDREH-Zentrum nach Lakiya. Andere Frauen ziehen es vor, zu Hause zu weben. Egal, wo sie hergestellt werden, SIDREH vermarktet die dekorativen Accessoires. Daneben bietet die Frauenorganisation Kurse in Lesen, Schreiben, Finanzverwaltung, Gesundheitsvorsorge und Frauenrechten an. Die Beduininnen sollen nämlich nicht nur eigenes Geld verdienen, sondern auch lernen, sich für ihre Anliegen öffentlich einzusetzen. Von allen Minderheiten sind die Beduinenfrauen am wenigsten in die israelische Gesellschaft integriert: 90 Prozent haben keine Arbeit. 75 Prozent der über 40-Jährigen sind Analphabetinnen. Keine einzige bekleidet ein gewähltes politisches Amt.

Basma, die alleinerziehende Mutter

„Ich habe einen Mann geheiratet, den meine Onkel für mich ausgewählt haben. Vor fünf Jahren hat er mich wegen einer anderen Frau verlassen. Um unsere gemeinsamen Kinder kümmert er sich nicht. Ich muss uns alleine durchbringen“, erzählte uns Basma. Ihr Los ist kein Einzelschicksal, denn bei den Beduinen sind Zwangsehen und Polygamie weit verbreitet. Die Tradition gestattet den Männern mehrere Ehefrauen und es wird vermutet, dass ein Drittel der Beduinen in polygamen Beziehungen lebt. „Im Durchschnitt haben wir Beduininnen acht Kinder. Viele werden ohne Vater groß, weil der bei seiner neuen Familie ist. Weil ihre Väter sie nicht finanziell unterstützen und ihre Mütter arbeitslos sind, wachsen viele Beduinenkinder in Armut und ohne Schulbildung auf. Ich bin dankbar, dass ich mit dem Weben ein Einkommen erziele. Meine Töchter sollen mal studieren können und eine monogame Ehe haben“, weihte uns Basma in ihre Träume ein. Wenngleich in Israel die Vielehe seit 1977 verboten ist, wird beduinischen Polygamisten nur selten der Prozess gemacht.

Basma, die Wüstenbewohnerin

Basmas Großeltern lebten noch als Halbnomaden in der Negev-Wüste. Sie hielten Schafe und das gesamte aride Gebiet diente ihnen als Weideland. Nach der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 wurden große Teile der Negev-Wüste zu militärischem Sperrgebiet erklärt und die Beduinen mussten ihr Halbnomadendasein aufgeben. Eigens für sie wurden acht Städte errichtet, in denen heute 60 Prozent der Beduinen leben. Die verbleibenden 40 Prozent wohnen in 45 nicht anerkannten Dörfern. „Die Negev-Wüste ist 12.000 Quadratkilometer groß und macht etwa 60 Prozent des israelischen Staatsgebiets aus. Knapp zehn Prozent der israelischen Bevölkerung leben hier: 600.000 Juden, die ihren Wohnort frei wählen dürfen, und 200.000 Beduinen, die in den acht Townships wohnen sollen. Lakiya ist eine der acht offiziellen Beduinenstädte und hier hat SIDREH ihren Sitz. Ich bin im nicht anerkannten Beduinendorf Bir Almshash zu Hause. Sollen wir gemeinsam hinfahren?“ fragte uns Basma. Wir haben die Einladung sehr gerne angenommen und waren erstaunt: Weil Bir Almshash illegal ist, gibt es keine staatlichen Dienstleistungen und Infrastruktur. Die Dorfbewohner haben auf eigene Kosten eine Wasserleitung gelegt und Strom erzeugen sie mit Solarpanels. Entlang der ungeteerten Straßen reihen sich Wellblechhäuser, eine Moschee, ein maroder Spielplatz und Pferche für Schafe. „Ich wurde in Bir Almshash geboren. Hier leben meine Geschwister, Onkel, Tanten, Cousins, Kinder und Nichten. Für uns Beduinen ist die Nähe zur Großfamilie wichtig, genau sowie die Verbundenheit mit der Wüste. Der Gedanke, in der Stadt zu wohnen, macht mir Angst. Dort leben viele Menschen auf engstem Raum. Es gibt Kriminalität und Drogen. Dort wäre ich alleine“, sagte Basma, während uns ihre Mutter einen köstlichen Kaffee mit Kardamom servierte und wir von sämtlichen Familienmitgliedern begrüßt wurden. Verdienstmöglichkeiten gibt es in den inoffiziellen Dörfern nicht. Basmas Familie hält ein paar Schafe, die Milch und Fleisch sowie für edle Webwaren Wolle liefern. Außerdem ringt sie dem Wüstenboden mittels Tröpfchenbewässerung etwas Gemüse ab. „Wir fordern, dass die 45 nicht anerkannten Beduinendörfer legalisiert werden. Viele existierten schon vor der Staatsgründung Israels. Momentan nutzen alle 200.000 Beduinen zusammen zwei bis drei Prozent des Wüstenbodens. Ich finde, dass uns wenigstens die zustehen“, so Basmas Meinung.

Basma, die Arabisch sprechende Muslima

Seit jeher sprechen die Beduinen der Negev-Wüste Arabisch und sind Anhänger des Islam. Als gläubige Muslima trägt Basma ein Kopftuch und lockere, weite Kleidung, die Arme und Beine bedeckt. In Beduinninenmanier erlaubte sie uns nicht, ihr Gesicht zu fotografieren, weil das Unglück bringen soll. Für uns als „Menschen-Fotografen“ war das äußerst schade: Basmas Hände und Rücken durften wir ablichten, nicht aber ihre strahlenden Augen und ihr offenes Lächeln. „Meine Kinder besuchen eine arabische Schule, in der sie Hebräisch als Pflichtfach haben. Das finde ich gut, denn es ist wichtig, Hebräisch zu sprechen, wenn man in Israel lebt. Ohne Hebräischkenntnisse kann man keine Universität besuchen und Hebräisch ist seit Kurzem die alleinige Amtssprache Israels“, sinnierte Basma. In dem kleinen Nahost-Land stellen die Arabisch sprechenden Muslime mit einem Bevölkerungsanteil von 20 Prozent die Minderheit dar. Die Mehrheit bilden mit 75 Prozent Hebräisch sprechende Juden.

Basma, die Israelin

1948 sind mehr als 80 Prozent der Beduinen aus dem neu gegründeten Staat Israel geflohen, viele in den heutigen Gazastreifen und ins Westjordanland. Die, die geblieben sind, wurden israelische Staatsbürger. Nach dem Gesetz sind arabische und jüdische Israelis gleichberechtigt, lediglich die Wehrpflicht entfällt für die erstgenannten. Mit einer Armutsrate von 50 Prozent stehen die Beduinen nicht nur innerhalb der gesamt-israelischen Gesellschaft auf der untersten sozialen Stufe, sie sind auch innerhalb der arabisch-israelischen Gesellschaft am bedürftigsten und eine Randgruppe. Arabisch-palästinensische Israelis beschäftigen sich kaum mit den Ureinwohnern der Negev-Wüste, wobei sich die arabisch-beduinischen stärker als die arabisch-palästinensischen Israelis mit dem Staat Israel identifizieren. „Für die Zukunft wünsche ich mir, dass ich weiterhin Geld mit dem Weben verdienen und damit meinen Kindern eine gute Ausbildung bieten kann. Letztendlich ist Bildung am wichtigsten! Sie hilft uns Frauen, für Geschlechtergleichheit innerhalb der beduinischen Gesellschaft zu kämpfen. Und sie ist nötig, damit wir Beduinen uns in die israelische Gesellschaft integrieren und sie mitgestalten können“, so Basmas Credo. In den letzten Jahren hat sich schon manches geändert: Immer mehr Beduininnen suchen sich ihren Ehemann selbst aus. Immer mehr Beduinen, darunter auch Frauen, studieren an der Ben-Gurion-Universität in der Wüstenstadt Be’er Scheva. Im israelischen Parlament, der Knesset, sitzen 120 Abgeordnete, darunter 13 arabische Israelis, von denen einer Beduine ist. Ein Mann.

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